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20.05.05
Was war doch gleich ein DIMI?
Diese Frage (und einige mehr, die man vorher wahrscheinlich nicht zu stellen gewusst hätte) beantwortet der schon anlässlich der kleinen Hommage an die Nadeldrucker-Symphonien entschieden empfohlene Film "Future Is Not What It Used To Be" von Mika Taanila über den finnischen Elektronik-Pionier Erkki Kureniemmi - anzuschauen im Rahmen von Taanilas Austellung "Human Engineering", die noch bis zum 22.05.05 im migrosmuseum Zürich zu sehen ist. Angesichts der unaufhaltsam fortschreitenden Tage im Kalender muss einfach noch einmal eiligst auf diese Gelegenheit hingewiesen werden.
Dem DIMI gebührt ein Extra-Eintrag. Um Taanilas Ausstellung weiters ein bisschen schmackhaft zu machen, nach dem Blick auf "Optical Sound" noch mal ein zweiter auf weitere Werke, die zu sehen Freundinnen und Freunde des Labors für Medien und Musik Freude machen könnte...
Mika Taanila: Human Engineering
Auf der Manifesta 4 (2002) in Frankfurt fiel seine Installation "Fysikaalinen rengas" ("Ein physikalischer Ring") auf; eigentlich ein 35mmm-Film, der auf Found Footage-Material der Dokumentation einer Experimentalanordnung basiert, das durch den Neuschnitt und dank des Soundtracks von Mika Vainio (Pan Sonic) eine nachgerade hypnotische Wirkung entfaltet und als ebenso schlichte wie schöne Arbeit die Anerkennung, die er 2002 auf der ars electronica erhielt, klar verdient hat.
Der im gleichen Jahr entstandene Film "The Future Is not What It Used To Be" gehörte u.a. auf der berlin biennale 3 (2004) zu den kleinen Highlights: Für das allein schon aufgrund der Fülle raren historischen Materials faszinierende Porträt des finnischen Elektronik-Pioniers Erkki Kurenniemi lohnt es sich, die erforderlichen 52 min. Zeit mitzubringen (die man ja auch sonst für alles Mögliche hat, ergo darf sie getrost auch mal in eine Ausstellung mitgebracht werden. Nicht alles lässt sich in 3' verhandeln).
Zumal der Protagonist selbst eigentlich keinen Anlass für nostalgisches Zurückträumen in vermeintlich gute alten Zeiten frohen Frickelns und ungebrochener Techo-Utopien gibt - dem dürfte die reale Gegenwart vor sein, der zweifellos so, wie sie Kureniemmi seit einigen Jahren lebt, etwas Tieftrauriges anhaftet.
Fragt man nämlich, wie die medien-technologischen Zukunftsvisionen von Gestern heute aussehen, wenn man jemanden davon erzählen lässt, der seit mehr als fünfzig Jahren auf der Überholspur Richtung Übermorgen lebt, dann mündet das in den alten Dokumenten so enthusiastisch vorgetragene Vertrauen in die Zukunft der kybernetisch aufgerüsteten Biomasse letztlich in ein Verbitterung verratendes Eingeständnis eines Scheitern an der Endlichkeit, die an entscheidender Stelle eben doch nicht zu überwinden ist: Der ortlose und neuerdings mit einigem Eifer ja auch von den Hirnforschern ein weiteres Mal dem Tier Mensch aberkannte Zipfel Seele ist schlichtweg nicht den Speichermedien zu überantworten. Auch nicht, wenn man - wie Kuriennemi - seit Jahrzehnten jeden Partikel seines Universums in elektronischen Tagebüchern dokumentiert. Asche zu Asche, Staub zu Staub - das wird früher oder später auch für die digitalen Daten gelten.
Aber wie auch immer. Um nicht in Melancholie zu versinken, kann man sich in der Zürcher Schau im Anschluss an die Sichtung des Films wahlweise in den "Optical Sound" der Nadeldrucker-Symphonien versenken oder eine Runde Robofussball ("RoboCup99", 2000) schauen, wo eifrige motorisierte und kybernetisch frisierte Mini-Mechas dem runden Ding nachjagen, das angeblich die Welt bedeutet (und definitiv zu den Sachen zählt, mit denen sich denkbar viele Menschen erfolgreich vom Wälzen existenzieller Probleme abzulenken vermögen).
Oder in dem ebenfalls klug die Erinnerung an bereits historische Zukunftsvisionen mit einer Gegenwartsperspektive verbindenden Film "Futuro - A New Stance For Tomorrow" (1998) etwas über die UFO-förmige autonome Wohneinheit gleichen Namens lernen, die 1968 von Finnland aus den Siegeszug um die Welt hätte antreten sollen - aber anders als dekorativ designte Ausstattungsstücke aus Glas (bis in die 1980er) oder Mobiltelephone (ab den 1990ern) eben keinen dauerhaften Eintrag in die Hitliste finnischer Exportprodukte schaffte. Schade eigentlich.
Wem das allerdings nicht weiterhilft, nach der Sichtung von "The Future Is not What It Used To Be" sein Gemüt wieder etwas heiterer zu stimmen, der sollte selbigem entweder Taanilas lakonischen Blick auf eine definitive Erfolgsgeschichte zuführen - zu haben in der Installationsversion des 1997 entstandenen Films "Thank You For The Music - A Film About Muzak", die nun den schönen Titel "Stimulus Progression" (2005) trägt. Oder nebenan in der zeitgleich laufenden Ausstellung von Cory Arcangel eine Runde "I Shot Andy Warhol" spielen gehen.
Bis 22.05. im
migrosmuseum für gegenwartskunst
Limmatstrasse 270 - CH-8005 Zürich
tel +41 44 277 20 50
Di, Mi, Fr: 12 bis 18 Uhr
Do: 12 bis 20 Uhr
Sa, So: 11 bis 17 Uhr
www.migrosmuseum.ch
Ausserdem als definitive Linkempfehlung in Sachen finnischer Techno(Musik)Kultur und Electronica die in diesem Eintrag ohnehin weidlich verknüpften Seiten von phinnweb.org, auf denen u.a. auch ein kleiner Einblick in die Geschichte der finnischen Elektronika-Szene geboten wird.
Von miss.gunst am 20.05.2005 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)
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