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24.11.05
Brennesseln

Den Einen ist sie wegen des speziellen Prickelns, das hautnahe Begegnungen mit ihr unweigerlich nach sich ziehen, als wucherndes (Un)Kraut im heimischen Garten oder beim Gang in die Beeren eher ein Graus. Andere wissen sie als Bereicherung der Kräuterküche zu schätzen oder schwören sogar auf ihre Heilmittelwirkung. Richtig geraten (und angesichts der Überschrift eh denkbar naheliegend): Es geht um die Brennessel.
Allerdings um eine spezielle Erscheinungsform der Urtica, nämlich das gleichnamige Medienkollektiv aus Serbien-Montenegro.
Das ist derzeit in der Schweiz zu Gast bei Digital Brainstorming. Und nach Präsentationen im Kornhausforum Bern, im Zentrum für Medien der PTH Kreuzlingen und gestern im Zürcher Walcheturm gibt es heute abend im [plug.in] in Basel noch einmal eine Gelegenheit, die Brennessel(n) und ihre Projekte näher kennenzulernen.
Derer aktuellstes ist das Social Engine, zu dem auf der Heimseite von Urtica folgendes nachzulesen ist:
The project Social Engine explores how the cultural patterns spread. It is produced as an online database of memes, units of cultural behaviourally transmissible information which are passed on to other people by imitation (Richard Dawkins). Since memes are not coded as universal codes, they are subjected to constant variations, i.e modalities of expression of different users. In this case, meme vehicles are textual and visual entities that possess strong emotional charge and high inter-subjective value (e.g. catch-phrases and flags).We might say that "Social Engine" is a stage on which a 'battle' under the flag of a certain idea is going on; it also tests Gresham's law of cultural evolution according to which the ideas with higher intrinsic value, e.g. sophisticated and gentle, will be displaced and eventually driven out of use by the ideas with lesser intrinsic value, e.g. oversimplified and violent.
Der oft zu Unrecht geschmähten Grünflanze, der Urtica ihren klangvollen Namen verdanken, hat das Medium beim Testausflug mal die folgende Meme-verdächtige Phrase ausgewählt:
what is natural cannot be bad
Ok, um die Frage, was eigentlich 'natürlich' ist und ob das, was von Menschen als solches bezeichnet wird, überhaupt natürlich sein kann, kümmern wir uns jetzt mal nicht. Jedenfalls bietet das Engine dazu dann beispielsweise ein Woody Allen zugeschriebenes Zitat zur Paarung an:
"Bisexuality immediately doubles your chances for a date on Saturday night."
Was auf jeden Fall plausibel klingt. Allerdings bei der imaginären Probe aufs Exempel für diesen Samstag harte Konkurrenz von der real existierenden Alternative "Einladung zu einer Geburtstagsfeier" bekommt. Das wäre nun zwar auf natürliche Grundlagen (Geburt, Alterungsprozesse) rückführbares, aber eindeutig kulturalisiertes (Alterungsprozesse jährlich Feiern! Welche Willkür des Tieres Mensch!) Date, das seinerseits mit sexuellen Präferenzen locker gekoppelt sein kann, aber nicht muss. Kurzum: Hier wird es schon dezent kompliziert, was die eingeforderte Entscheidung über die Validität des potentiellen Mems anbelangt.
Glücklicherweise kann man es sich mit dem Social Engine aber sehr viel einfacher machen. Wenn man dort nämlich, einschlägig angeregt, einfach Gleiches mit Gleichem paart, fangen die mit jeder Mem-Phrase aufgerufenen Bildchen alsbald ganz schnuckelig miteinander zu kuscheln. Spannender ist es natürlich, derlei Idyll gemein zu stören und eine eher adversive Phrase in das Biotop zu pflanzen. Zum Beispiel:
ready for anything
Was dann mit Zitaten von George W. Bush und Horaz ("It is sweet and glorious to die for one's country.") hinterfüttert wird.
Ja, liebe LeserInnen, ihr solltet jetzt mal sehen, wie sich die "what is natural cannot be bad"-Kuscheltierchen angewidert in die diametral entfernte Ecke von jener kauern, in welcher jetzt der Neuzugang hockt. Beziehungsweise das ganze am besten mal selbst ausprobieren.
Und eben heute Abend mal hören, was die Social Engineers über ihr Projekt berichten.
Urtica
im Rahmen von Digital Brainstorming
zu Gast im [plug.in]
St. Alban-Rheinweg 64
CH-4052 Basel
Donnerstag, 23.11.2005 um 20.00 Uhr
P.S.
Als Dreingabe für diejenigen, die sich bei der Lektüre der einleitenden Zeilen schon gefreut hatten, dass sich das Medium nun endlich mal zünftigen Rezepten für den Haushalt zuwendet, werden abschliessend noch brav Anker auf eine Auswahl recht einfach herzustellender Hausmittelchen auf Brennesselbasis ausgeworfen (Obacht, auch hier im Zweifelsfall den Hausarzt und/oder Apotheker konsultieren - bzw. vor Anwendung des Shampoos wenn nicht den Friseur des Vertrauens, dann vielleicht gelegentlich einen Spiegel). Und für die innere Anwendung (fast) ohne Risiken und Nebenwirkungen bietet sich möglicherweise eher als Abführtee eine Portion Brennesselküchlein mit Brennesselbier an. Aber dafür sollte es dann wohl erstmal wieder Frühjahr werden - kurzum: An langen Winterabenden ist man eben wahrscheinlich doch mit einem Memory-Spiel oder eben dem Social Engine von der montenegrinischen Urtica besser bedient.
Von miss.gunst am 24.11.2005 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)
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