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01.02.06

Nam June Paik

ztv_0k.gifMit Nachrufen hadert das Medium sehr. Es scheint so jämmerlich, ein ganzes Menschenleben in wenige Zeilen zu packen - erst recht, wenn es so produktiv gewesen ist wie dieses. Das von Nam June Paik.

Wenn aber erstens ein Künstler die eigenen Perspektiven sehr geprägt hat und zweitens ein LogBuch im Radius von Musik, Medien und Kunst geführt wird, dann geht es ohne ein Winken schlechterdings nicht.

Nun hat eben das Hadern mit dem Format praktischerweise auch den Printmedien einen gebührenden Vorsprung beschert, so dass sich bequem eine ganze Reihe von längeren Artikeln verankern lässt, die gestern in verschiedenen Tageszeitungen erschienen sind (und deren digitale Ausgaben deshalb in einigen Fällen wohl leider wieder recht schnell verschwunden sein werden - daher die Linx ohne Gewähr):

ztv_1.gifIn der NZZ salutiert Samuel Herzog dem "Anti-technologischen Technologen"; in der Welt verneigt sich Uta Baier vor dem "Buddha mit Kathodenstrahlröhre"; in der TAZ schaut Martin Zeyn traurig in "Monitore, die zurückblicken"; in der Frankfurter Rundschau verehrt Elke Buhr den "Genialen Visionär".

Bei der FAZ ist der Artikel aus der Print-Ausgabe zwar (noch) nicht online zugänglich (ebenso wenig wie der Nachruf von Holger Liebs in der Südddeutschen), dafür stattete das faz.net schon am Montag seine Pressemeldung zum Tod des Künstlers mit einem reichhaltigen Bilderbogen aus.

Einblicke ins Werk hat es freilich auch über die Galerie auf Paiks offiziellen Heimseiten reichlich; und zudem gibt es hier auch einen schönen Essay von John Hanhardt zum nachlesen.

Ebenfalls sehr empfehlenswert ist (gerade auch für Menschen, die vielleicht eher nur ein zwei Arbeiten kennen) ein Besuch beim MedienKunstNetz, dass aktuell mit einem Video-Special auf der Hauptseite auf seine Weise Trauer flaggt. "There is no rewind button on the Betamax of life." Wie wahr.

ztv_2.gifNeben einer Kurzbiographie von Paik hält das MedienKunstNetz jedenfalls nicht nur Informationen und Bilder zu zahlreichen Werken bereit, sondern auch mehrere Texte aus der Feder bzw. Schreibmaschine resp. dem Computer des Künstlers. Darunter beispielsweise seine durchaus realen Visionen für den "Electronic SuperHighway", "Medienplanung für das nachindustrielle Zeitalter – Bis zum 21. Jahrhundert sind es nur noch 26 Jahre". Und hat eben insbesondere auch, was das Visuelle betrifft, Besonderes zu bieten; allem voran rare Aufnahmen aus der legendären "Exposition of Music – Electronic Television" 1963 in Wuppertal und Videoausschnitte aus dem zehn Jahre späteren "Global Groove".

Für's Nach- und Weiterlesen lassen sich ansonsten natürlich auch Bücher und Kataloge empfehlen; nach wie vor Edith Deckers Monographie "Paik – Video" (Köln 1988) zum Beispiel; an Katalogen aus Schweizer Perspektive denkbar nahe liegend die Gemeinschaftsproduktion der Kunsthalle Basel und des Kunsthauses Zürich zur Ausstellung 1991 (Nam June Paik. Video Time Video Space, Hrsg. Toni Stooss/Thomas Kellein, Stuttgart 1991). Dazu vielleicht noch das zur Seitenflügel- und Gartenbespielung des Deutschen Pavillons auf der Biennale 1993 erschienene Hommage-Buch (Nam June Paik - eine DATAbase, Hrsg. Klaus Bußmann/Florian Matzner, Ostfildern 1993). Besonders materialreich und insofern ein echtes Wertpaket ist der Katalog, den Wulf Herzogenrath - langjähriger Freund des Künstlers und unermüdlicher Vermittler des Werks, der Paik schon 1977 die erste grosse Einzelschau in Deutschland ausrichtete (Nam June Paik. Werke 1946 1976. Musik - Fluxus - Video, Köln 1977) - 1999 für die Kunsthalle Bremen herausgegeben hat. Grau bleibt alle Theorie? Sicher, mit dem Sog eines derart bewegten, bewegenden, farbenrauschenden Werks können Texte nur schwer konkurrieren. Paiks eigene haben es jedoch in jedem Fall in sich. Und seine Bilder haben auch die Vermittler ganz schön auf Trab gehalten.

ztv_3.gifSoweit vom Fach. Und sonst? Eben wegen des tendenziellen Überhangs der professionellen Perspektiven fällt es gar nicht so leicht mit der persönlichen Erinnerung. Die ersten Begegnungen mit Werken? Klar gehörten die zu denen, die das Medium der Kunst zeitig in die Arme getrieben haben (das Prädikat "kinderfreundlich" lässt sich vergeben, ohne rot zu werden in diesem Fall). Aber welche? TV Buddha oder Magnet TV sind bis heute konkurrenzlos Favoriten - doch da spielt mittlerweile mehr und anderes hinein.

An *einen* echten Flash kann sich das Medium allerdings bis heute ganz genau erinnern, sozusagen wie wenn et jestern wär. Der ging freilich nur mittelbar auf das Konto von Paik und wurde seinerzeit auch entsprechend anders verbucht.Das war, als das Medium zum ersten Mal Charlotte Moorman Cello spielen sah (natürlich auch: hörte - vor allem aber: sah). Durchaus mit Paik auf der Bühne. Angetan aber nicht mit dem TV Bra. Sondern nur Körper, eingehüllt in eine transparente Plastikfolie. Und das Instrument.
Dass sass und säte Bleibendes.
Und kommt dann immer wieder, so wie gerade jetzt. Auch wenn in diesem speziellen Moment Paik, dem ansonsten die heutige Verneigung gilt (und wirklich gilt), ausnahmsweise nicht so wichtig war.

[Bildchen: Selbstredend kein Paik. Nur Medien-Zen.]

Von miss.gunst am 01.02.2006 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)

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