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20.02.06
Unterirdisches (tm 06-Nachlese, Finale)
Zum Wochenbeginn nun endlich noch das transmediale-Rückblick-Finale. Wie treue LeserInnen schon bemerkt haben werden, fehlte bislang ja noch ausgerechnet jene Arbeit, die in diesem Jahr bei den Awards auf Platz Eins gelandet ist:
Agnes Meyer-Brandis' "SGM-Eisberg-Sonde".
Die Projektbeschreibung auf den tm-Seiten verspricht tatsächlich ein ziemlich sensationelles Erlebnis:

"Die SGM-Eisberg-Sonde ist ein taktiles Suchgerät zur Erforschung subterraner Eisberge unter Eishallen und anderer verborgener Möglichkeitswelten. Dank 'Side-Scan View' gewährt sie eindrucksvolle horizontale Einblicke in Bodenschichten, Eishöhlen und den dort vorkommenden subglazialen Lebensformen bis zu einem Radius von einem Meter ab Sondenkopf. Anhand von 'Schnur-Fühlen' kann die Sonde vertikal durch ein Bohrloch navigiert und eine Wanderung durch unbekannte Strata vollführt werden. Der Faden verschwindet in unendliche Tiefen und ist ein sensibles Interface zwischen zwei Welten. Informationen über die Tiefenschichten und ihre Lebewesen werden visuell auf dem Monitor am Bohrlochrand und akustisch via Kopfhörer übertragen."
Klingt toll, oder? Die erste Begegnung mit der Arbeit - oder dem, was man zunächst einmal für die Arbeit halten konnte - fiel allerdings tendenziell leicht enttäuschend aus. Der Sperrholzaufbau mit den grossen Klapptafeln in der SMILE MACHINES-Ausstellung nämlich, dessen Erscheinung andeutungsweise an jene Dokumentationszentren erinnerte, wie sie auf Seevogelbeobachtungsstationen oder Bergstationen mit Publikumsverkehr zu finden sind, liess noch nicht unbedingt ahnnen, dass es sich hier um die Preisträgerarbeit und einen echten Besucher-Renner der transmediale handelte: Eine der üblichen, liebevoll improvisierten Als-Ob-Architekturen, wie man sie in den letzten Jahren allzu oft in Ausstellungen gesehen hat. Forschungsfakes und -parodien feiern schliesslich schon lange Konjunktur in einer Zeit, in der die Wissenschaften auch sonst ziemlich erfolgreich mit den Künsten konkurrieren - vor allem, was Anerkennungswerte in Sachen Kreativität und Innovationspotentiale inklusive der damit verbundenen Mittelzuwendungen betrifft.
Dass es dabei ausgerechnet um Bohrkerne gehen sollte, mochte die Sache auch nicht unbedingt spannender machen: Schon klar, dass sich Geologen von diesen Dingern regelmässig in echtes Verzücken versetzen lassen. Für Laien sind und bleiben sie jedoch tendenziell eher mässig attraktiv. Schnöde Stangen aus schrundigem Dreck eben.
Was enstprechende Referenzen, schon gar in einer Ausstellung zu Kunst, Medien und Humor zu suchen haben sollten, war auf den ersten Blick jedenfalls allerdings alles andere als klar.
Tatsächlich ist es aber unerlässlich, der Arbeit einen zweiten Blick zu schenken - und zwar einen Stock tiefer, in einem der Innenhöfe der Akademie. Dort nämlich hat Agnes Meyer-Brandis ein Zelt errichtet, das Zugang zu den eigentlichen Geheimnissen bietet. Die wiederum liegen in einem imaginären Erdinneren, in das uns die besagte SGM-Eisberg-Sonde führt.
Für eine Vorbesichtigung des Zeltes lassen sich die Flickr-Photos von Régine empfehlen, die der Arbeit in we-make-money-not-art natürlich ebenfalls einen kleinen Artikel gewidmet hat.
Ansonsten lohnt es jedoch spätestens an diesem Punkt, direkt auf Agnes Meyer Brandis' Heimseiten zu wechseln, die - der schon mehrere Jahre währenden, konsequenten Forschungsarbeit der Künstlerin entsprechend - den Namen Forschungsfloss tragen und dem 2003 von ihr begründeten Institut für Riffologie eng verbunden sind.
Das Medium verspricht: Eine eingehende Beschäftigung mit der Geschichte und einigen bisherigen Projekten des Institutes (namentlich vielleicht dem Bohrkernlabor und Elfenscan, von dem das Medium aus eigener Erfahrung nur bestätigen kann, dass es sich um ein in jeglicher Hinsicht erhellendes und verzauberndes Unternehmen handelt) wird ganz sicher für einen kurzweiligen Einstieg in die Woche sorgen.
Nicht zuletzt findet sich unter den ebenso minutiösen wie mit Liebe zum Detail aufbereiteten Dokumentationen natürlich auch eine zur SGM-Eisbergsonde.
Sogar die partielle Entzauberung selbst fällt ziemlich zauberhaft aus - oder etwa nicht?
Ob eine solche Arbeit je gute und ob der transmediale-Platzierung dann noch bessere Chancen auf dem Kunstmarkt hat (wie das die gestern zitierten Interview-Äusserungen von Andreas Broeckmann indirekt schliessen lassen müssten), wagt das Medium mal zu bezweifeln. Aber vielleicht ermuntert der Award ja weitere offizielle Stellen zur Vergabe einer Forschungsförderung.
[Bildchen: Stammen natürlich nicht vom Forschungsfloss. Und leider ist das Medium eine denkbar unbegabte wissenschaftliche Zeichnerin. Dachte dabei jedenfalls fest an eine Schnur-Fühl-Sonde, wie sie tiefer und tiefer in die Schichten der Datenbank dringt, die unter diesem LogBuch lagert...]
Von miss.gunst am 20.02.2006 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)
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