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19.06.06

Klanggärtnern mit Mendel (Hiller)

shmc_ksw.gifNach dem kleinen Abstecher zu Fontanas singender Brücke in London können wir die Schritte unseres sommerlich gestimmten Spaziergang nun wieder in Richtung sonambiente lenken.
Die hat für Ausflüge in den Aussenraum natürlich ebenfalls einiges zu bieten - nicht nur die bereits erwähnte Klangjause am sprechenden Frittenbüdchen.
Sondern auch, was aus HOME MADE-Perspektive besonders interessieren kann: Veritable Klanggärtnerei.

Andres Bosshard - sozusagen unser Stammgklanggärtner, der in der aktuellen Saison wieder einen Workshop anbieten wird (dazu angelegentlich mehr) - ist in diesem Jahr zwar nur mit einem Katalogbeitrag dabei.

Aber es gibt selbstredend noch weitere KollegInnen, die sich mit diesem wichtigen Zweig der Klangkunst beschäftigen. Im Rahmen der sonambiente hat sich beispielsweise auch Susan Hiller, die gerade erst im vergangegen Jahr mit einer beeindruckenden Retrospektive in der Basler Kunsthalle zu Gast gewesen ist, unter die GärtnerInnen gemischt.
[Falls es mit Blick auf die Basler Schau eine Erinnerungsstütze brauchen sollte, kann das Medium hierzu einen Anker zu einem Artikel anbieten, den es seinerzeit - allerdings unter seinem bürgerlichen Namen - für das Kunst-Bulletin verfasst hat].

shmc_g.gifAllerdings liessen die Werke, die dort zu sehen waren, nicht unbedingt darauf schliessen, dass man Hillers Audioarbeiten gewissermassen auch in freier Wildbahn begegnen könnte: Charakteristisch für ihren Ansatz ist nämlich sonst eher die systematische Auseinandersetzung mit dem, was Freud das kulturelle Unbewusste genannt hätte - und den medialen Kanälen, durch die es sich dann wortwörtlich bzw. sprachlich oder bildhaft seinen Weg bahnt. Eine Art Psychic Acheology, wie denn auch eine ihrer jüngsten Arbeiten heisst.

Nun, bekanntlich kann man einiges durch die Blume bzw. mit Blumen sagen - und das gilt auch in diesem Fall. In Berlin lädt uns Hiller nämlich in den Rosengarten der (alten) Akademie der Künste am Hanseatenweg ein.

Ob es bei dieser Ortswahl eine Rolle spielte, dass der Aussenbereich seinerzeit tatsächlich nach einem gartengestalterischen Gesamtkonzept angelegt wurde - und sich die Existenz des Rosengartens offenbar der besonderen Vorliebe des Architekten Walter Rossow für Rosenstauden verdankt?
Möglich wäre das insofern, als Rossows hiermit offenbar zusammenhängende Philosophie eines im Pflanzenwuchs zum Ausdruck kommnden Evolutionsgedankens ("Gartendenkmalpflege ist Entwicklungspflege") tatsächlich einen kleinen Brückenschlag zum Thema von Hillers Klangarbeit gestattet:

"What every gardener knows" ist nämlich ein Carillon, also ein Glockenspiel, dessen Melodie auf Gregor Mendels Vererbungslehre bzw. den von ihm entdeckten und nach ihm benannten "Mendelschen Gesetzen" basiert.

Allerdings will Hiller ihre Komposition gerade nicht als Hommage an die Konsequenzen verstanden wissen, die eine bei praktischer 'Anwendung' der Gesetze ebenfalls mögliche systematische Selektion zeitigen kann:

In Gegensatz dazu interpretiert mein Garten-Glockenspiel die Mendelsche Lehre von der Verteilung der Erbeigenschaften als eine Affirmation der Verschiedenheit. What Every Gardener Knows zelebriert die Muster der Selbstähnlichkeit und der Differenz, des Dominanten und des Rezessiven auf eine tiefgründigere und kompliziertere Weise, als es zuerst scheinen mag. Es betont den Weg, wie Mendels System die Vererbung von unsichtbaren Merkmalen erklärt, die auf komplexe und überraschende Weise zur möglichen Kombination und Rekombination der Eigenschaften führt. In diesem Sinne singt mein Glockenspiel für uns alle, im Gegensatz zu den exklusiven Adressaten der Kirchenglocken und des Rufs des Muezzins.

shmc_g2.gif"Alle Gestalten sind ähnlich / doch keine gleichet der andern", schrieb ja zu Recht auch schon der gute Goethe (der wiederum bei seinen Überlegungen zur Metamorphose der Pflanzen welche besonders fest im Auge hatte? Genau...).

Auf den sonambiente-Seiten gibt es zwar die Partitur, aber leider kein Bild vom Rosengarten zu sehen. Was eigentlich schön gewesen wäre - auch wenn es dort 'nur' etwas zu Hören gibt.

Alternativ kann das Medium nun aber nicht nur einen Blick auf den "Chinesischen Pavillon" im Stadtpark Lahr anbieten [zwecks Sichtung bitte ebd. nach unten blättern]. Für den war die Arbeit 2003 ursprünglich mal entstanden, als dort die temporäre Ausstellung "genius loci - Kunst und Garten" stattfand.

Wer sich im Vorfeld seines Spaziergangs zum adk-Rosengarten schon mal einen kleinen akustischen Eindruck verschaffen möchte, kann nämlich auch bei Susan Hiller selbst vorbeischauen: Dort hat es nämlich auf der Seite zu "What every Gardener knows" sogar ein kleines mp3 mit einer Kostprobe vom Carillon.

[Bildchen: Sieht man ja, was es ist. Bzw. was dabei herumkommt, wenn das Medium fröhlich Erbslein mendelt...]

Von miss.gunst am 19.06.2006 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)

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