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17.10.06
Ferne so Nah: Anna Friz (RR ff.)
Nein, nicht Wenders. Auch nicht Film. Sondern: Radio. Genauer gesagt: Unzählige Radios, dicht an dicht unter die Decke eines Raumes gehängt, eine Wolke von Schwingungen, Wellen, Atmosphären.
Ein Bild, das kaum länger als eine Stunde existierte - aber um so eindrücklicher in Erinnerung blieb.
You Are Far From Us. Eine Radio-Performance von Anna Friz.
Wie man sich denken kann: Ebenfalls zu Gast bei den RadioRevolten - in diesem Fall am 03.10.06 im gestern bereits erwähnten Ärztehaus Mitte. Und wirklich einer jener Momente, die man am liebsten heimlich in die Tasche stecken und mitnehmen würde.
Was bei einer Radio-Performance selbstredend schwerlich möglich ist. Selbst wenn sie aufgezeichnet wurde, später wohl auch nachbearbeitet und noch einmal ausgestrahlt werden soll.
Aber dann wird eben doch etwas fehlen: Der Raum. Die gespannte Erwartung, in der man ihn betritt. Die sich angenehm hält, während sich die Augen langsam an das Dämmerlicht gewöhnen. Vielleicht versuchen, die Dioden zu zählen, die wie winzige Positionslichter an den Mini-Radios glimmen. Zwischen deren silbrigglänzenden Kokons hängen im Zentrum der Versammlung fünf, sechs grössere Exemplare an ihren Bügeln, die Antennen tastend ausgerichtet.
Auf Empfang stehen sie alle miteinander. Deshalb fiept und knistert und summt es eingangs, bis nach einer Zeit zunächst Musik, dann auch Stimmen wahrnehmbar werden, wieder verblassen.
Wenig später ziehen die geisterhaften Frequenzen von Empfänger zu Empfänger, laden dazu ein, ihren Geschichten zu lauschen, die sich mit der Zeit als eine einzige entpuppt.
Am Anfang ist es jenes ruhige, schwere Atmen tiefen Schlafes, das uns unweigerlich ins Reich der Träume schickt: Die Geräusche im Ohr, die Bilder im Kopf. Ein unfreiwilliger, kollektiver Traum, der von den Radiowellen gefüttert wird und schon bald in einen Alptraum uzuschlagen scheint. Schüsse, Stimmen, Unruhe. Ohne genau zu wissen, wohin, muss man ihnen folgen - doch ebenso wie in anderen Träumen auch verweigern sich die Szenen einer eindeutig definierten Handlung, tragen einander weiter durch eine emotionale Choreographie, die schliesslich wieder dort enden wird, wo sie begonnen hat: In einem Atmen, das schwächer wird, überlagert von Fiepen, Knistern und Summern, schliesslich: Stille. Vorbei.
Tage später dann im RadioRevolten-Presstext zu "You Are Far From Us" nachgelesen:
"Anna Friz’ Performance besteht aus fünf Abschnitten: 'Inhale, Suspension, Witness, Nocturne, Exhale'. Sie reflektieren die Momente, in denen die zwischenmenschliche Kommunikation mittels technischer Apparaturen suspendiert ist. Was in dieser vermeintlichen Stille, von Außenstehenden unbemerkt, von den Beteiligten unbewusst, dennoch kommuniziert wird, will 'You Are Far From Us' erkunden, herausarbeiten.
In der Frühzeit des Mediums Radio imaginierten Esoteriker und Pseudowissenschaftler ein künftiges Radio als etwas, das eine Brücke ins Reich der Toten und anderer ätherischer Wesenheiten schlagen könne. Aber anstatt von einem Radio zu träumen, das diejenigen erreicht, die nicht von unserer Welt sind, fragt sich Anna Friz, welche Mitteilungen wir vielleicht verpassen von denen, die um uns herum leben: 'Welche der nahezu unhörbaren Signale, die in Momenten intensiver Gefühle, Krisen oder Todesnähe ausgesandt werden, könnten wir hören, wenn das Radio sie einfangen würde?'"
Mal ganz abgesehen davon, dass sich das ganz wunderbar mit einigem von dem zusammenfügt, was das Medium selbst in seiner Radio(((o))))Séancen-Forschung unter die Lupe nimmt: Selten einen Pressetext gelesen, der sich so auf den Punkt mit dem trifft, was die Sache selbst vor Ort vermittelte.
Ähnlich wie gestern liesse sich abschliessend noch fragen: Was denen empfehlen, die mehr über Anna Friz Radio-Kunst wissen wollen?
Natürlich ist es wieder einmal kunstradio.at, wo man eine reich bestückte Porträtseite mit zahlreichen weiterführenden Ankern findet - in diesem Fall auch gleich zu mehreren Sendungen im hauseigenen Archiv.
Mehr von ihr hören und möglicherweise auch mal live kann man ansonsten bei free103.9 in ihrer kanadischen Heimat, zu dessen KünstlerInnen-Stamm sie zählt. Abgesehen davon, dass sich in dessen Audioarchiven ebenfalls mehrere Projekte finden (einfach "anna friz" ins Suchformular eingeben), lohnt es im übrigen sowieso, dessen Aktivitäten zu verfolgen. Aber dazu dann gelegentlich mal mehr in einem der nächsten Webradio-Tipps...
[Bildchen: Merci an Anna Friz und RadioRevolten. Deckt sich natürlich nicht mit dem optischen Eindruck der Performance - bei der die Macherin, da live sendend, in einem kleinen Kabuff sehr wohl in persona anwesend war.]
Von miss.gunst am 17.10.2006 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)
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