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11.02.07

Found Tapes (mit WRT)

fte_ksw.gifWie vorab vorfreudig angekündigt, bietet sich als direkter Anschluss an den "Tag der archivierten Klänge" die Vorstellung eines Projektes an, das schon längst im Zettelkasten verankert werden sollte:
Die Found Tapes Exhibition von Harold Schellinx.

Seit 2002 wandert der aus den Niederlanden stammende Musiker und Soundforscher auf den Spuren jener Tonträger, von denen sich in Zeiten digitaler Speichermedien und Wiedergabetechnologien immer mehr Menschen verabschieden.

fte_g2.gifZwar ist es - wie ja auch der in diesem Log.Buch verfolgte Strang zu Tapes und Kassettengeschichten weidlich belegt - durchaus so, dass nicht Wenige den Trennungsschmerz deutlich spüren.

Schliesslich kann sich ein digitales Mixtape-Surrogat in Sachen Charisma nur bedingt mit seinem materialen Vorbild messen: Gerade weil man es einerseits einfach ins Netz stellen, vielleicht sogar unendlich multiplizieren - dafür aber nicht anfassen kann, es keine handgekritzelte Trackliste und kein liebevoll selbst geklebtes und bemaltes Cover hat.

fte_gg.gifUnd selbst wenn kaum jemand dem jähen Schrecken nachtrauern wird, den ein Bandsalat etwa ausgerechnet eines historischen Herzensgrusses in dieser speziellen Form zu verursachen pflegte (nunja, schliesslich können auch digitale Daten leicht mal unwiederbringlich verenden): Ein wenig traurig ist es schon, einem Medium und einer ganzen Apparatekultur beim Sterben zuzusehen, der man dereinst eine formative Bedeutung u.a. auch für die Ausbildung des eigenen Musikgeschmacks beigemessen hat. Von der Bedeutung für die experimentelle Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts mal ganz zu schweigen.

Harold Schellinx jedenfalls gehört zu jenen, die sich nicht damit abgefunden haben, die Ära des Magnetbands einfach sang- und klanglos vergehen zu lassen. Er ist - wortwörtlich - zu einem Handlungsreisenden einer Medienarchäologie der Kassettenkultur geworden.

In den Städten, in die ihn seine Wege führen, stöbert er an Strassenrändern und anderen Orten, an denen sich der so genannte Zivilisationsmüll vorzugsweise anzusammeln pflegt, nach weggeworfenen Tapes. Die verwaisten und oft in denkbar bedauernswertem Zustand ihrem Schicksal überlassenen Tonträger dokumentiert er nicht nur, um sie seiner Sammlung einzuverleiben. Vielmehr versucht er auch, sie einer sorgfältigen Restauration zuzuführen, so dass sie - und sei es auch nur teilweise - wieder spielbar werden.

fte_g3.gifDem entsprechend ist seine Found Tapes Exhibition auch alles andere als eine Sammlung toter Fetische zur stummen Feier eines mediengeschichtlichen Trauerspiels, an der sich das tränende Auge der Hinterbliebenen weiden kann. Wenngleich sich sicher kaum verleugnen lässt, dass in diesem Fall schon die fotografische Leichenschau selektierter Sektionskandiaten einen nicht geringen ästhetischen Reiz vertrömt.
Entscheidend ist für das Projekt aber eben auch ihre anschliessende Wiederbelebung, von der zum einen auf den Ausstellungsseiten bereitgestellete FTE-Playlists im mp3-Format zeugen. Und zum anderen die Konzerte, die Schellinx angelegentlich seiner Forschungsaufenthalte in Sachen Found Tapes gibt.

Nun hat Harold Schellinx also einige Tage lang Berlin durchstreift, während seine Found Tapes Exhibition vorübergehend in der Transitlounge Station gastierte (genauer gesagt: für zwei knappe Tage, vom 07.02. bis 09.02. - was in der Tat ziemlich treffend als Transit bezeichnet werden kann). Neben restaurierten und nicht mehr restaurierbaren Tapes und Fotografien gab es dort auch Hörstationen zum Stöbern in den akustischen Sammlungsbeständen.

Ob die Berliner Spurensuche Schellinx vergleichbar reiche Früchte eingetragen hat wie jene vom Sommer 2005 in Pariser Vortorten?
Und ob es ihm schon gelungen ist, einige der fragmentierten Funde so zu kitten, dass er sie heute Abend beim letzten Konzert des zweiten "Kleinen Field Recordings Festival" zu Gehör bringen kann?

fte_g1.gifLetzteres lässt sich entweder heute (11.02.07) ab 21:30 Uhr vor Ort in er Electronic Church (Greifswalder Str. 223, Berlin-Prenzlberg) überprüfen, wo er zusammen mit Rob Curgenven, Kate Donovan und - so inzwischen gesundet - Marcel Türkowsky die konzertanten Fetsivitäten zum "Tag der Berliner Klanglandschaften" bestreiten wird (Details im Programm auf den Seiten von Udo P. Leis).

Oder - das bleibt jedenfalls für alle Nichtberliner süsse Hoffnung - bei der morgigen Übertragung selbigen Konzerts ab ca. 20:00 Uhr via Webstream über radioINCORRECT (s.a. das P.S.).

Bleibt nur zu wünschen, dass es Schellinx auch zukünftig gelingt, die Sammlungsbestände seiner Found Tapes Exhibition noch ein wenig weiter aufzustocken - denn es ist doch anzunehmen, dass die materialen Spuren des sterbenden Mediums in den kommenden Jahren mählich ausdünnen werden.
Wer wissen will, wie es in der eigenen Stadt darum steht, sollte dem Soundforscher wohl besser früher als später eine entsprechende Einladung verschaffen.

[Bildchen: Stammen samt und sonders aus den Beständen der Found Tapes Exhibition - dafür ein Grand Merci an Harold Schellinx!]

P.S.
Eben in Sachen Webradio-Tipps zum zweiten "Kleinen Field Recordings Festival" noch ein aktueller Hinweis, damit keine Verwechslungen aufkommen:
Wie auch andere Fans festgestellt haben werden, gab es am Samstag keinen Livestream von radioINCORRECT. Deshalb soll heute abend ab 20:00 Uhr das gestrige Konzert ausgestahlt werden - und morgen, also Montag 12.02.07 jenes von heute Abend, bei dem auch Harold Schellinx mitwirken wird.

Von miss.gunst am 11.02.2007 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)

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