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13.03.07

opera calling

oca_ksw.gifAus aktuellem Anlass und sozusagen in mehrfacher Hinsicht virtuell gleich wieder zurück nach Zürich.
Dort startete nämlich vergangenen Freitag - als leider so gar keine Zeit war, das Log.Buch zu versorgen - ein Projekt, das einen ganz speziellen D.I.Y.-Zugang zur Sphären propagiert, die sich gern als eher etwas exklusive Hochburgen der Hochkultur geben.

Und das soll in etwa so funktionieren:

Stell Dir vor, Dein Telephon klingelt - und die Oper ist dran.
Nein, nicht die Kasse, bei der Du um Rückruf batest, falls es doch noch Restkarten für die Premiere geben sollte.
[Wäre eh ein Traum gewesen, denn erstens hättest Du in dem Fall anrufen bzw. persönlich vorbeigehen müssen, um selbst nachzufragen. Zweitens hättest Du Dir Premierenkarten eh nicht leisten können, jedenfalls diesen Monat nicht. Und drittens: Ach, die Oper...]

oca_g2.gifAber es ist eben sowieso nicht die Kasse am Apparat. Und auch nicht die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit, beispielsweise.
[Das schiene Dir schon wesentlich realistischer: Mit einer dieser neuerdings so modischen Evaluationsumfragen. "Dürfen wir fragen, wann Sie das letzte Mal... Noch nie? Aha. Und dürfen wir dann fragen, weshalb? ... Total taub??... Aha. Aber... wie können wir dann telephonieren???"]

Also nochmal von vorn: Stell Dir vor, Dein Telephon klingelt und die Oper ist dran. Genau so: Du nimmst den Hörer ab, und am anderen Ende schmettert Dir direkt Rodolfo eine Arie ins Ohr. Oder, genauer gesagt: Marcelo Alvarez, der gerade an der Oper Zürich den entsprechenden Heldentenor gibt.

oca_g4.gifGibt es nicht? Gibt es doch - sagen die "Mediengruppe bitnik" und Sven König (genau: der mit den sCrAmBlEd?HaCkZ!) in ihrem aktuellen Projekt "opera calling". Man müsse schliesslich nur eine Wanze im Opernhaus verstecken und diese dann mit einem Rechner verbinden. Der wählt nach dem Zufallsprinzip Nummern aus dem Zürcher Telephonbuch an. Und schwupp! Hat es Opernabend frei Haus.

Aber das soll noch nicht alles sein: Damit noch mehr Menschen etwas von der akustischen Kulturdusche abbekommen können, hängen zudem im Cabaret Voltaire traufenweise Hörer von der Decke. Aus denen, so heisst es im F.A.Q. von "opera calling" erstens während der Opern-Aufführungen die entsprechenden Kaper-Anrufe eingespielt werden.
Und zweitens ausserhalb derselben, damit die Katakomben-Galerie während eines Grossteils ihrer Öffnungszeiten nicht einfach nur Kulisse bietet, Zufallseinspielungen aus Mitschnitten vom Vortag, nein: Vorabend um genau zu sein.

Nunja. Wer - was ja auch in ansonsten den elektronischen Künsten zugeneigten Kreisen vorkommen soll - hin und wieder einmal in die Oper geht, wird sich schon an dieser Stelle seinen Teil denken. Tatsächlich gibt es nur eine einzige Möglichkeit, Oper für mehr Menschen zu öffnen: Nämlich Karten günstiger oder frei zu vergeben. Richtig Oper ist schliesslich nur dann richtig Oper, wenn sie live und vor Ort wahrgenommen werden kann. Selbst ein Stehplatz ohne Sicht in einer no name-Aufführung gibt noch unendlich viel mehr als der beste Mitschnitt einer Starbesetzung. So ist das nun mal.

oca_g3.gifDass die Oper Zürich - wie zu vernehmen ist - wenig amüsiert auf das Projekt reagiert, dürfte denn auch eher ganz andere Gründe als ein prinzipielles Missfallen an dem Gedanken haben, dass Menschen ohne Ticket ein ohnehin akustisch nur bedingt bzw. vielleicht eher als Noise-Performance goutierbares Häppchen aus dem Spielplan kredenzt wird. Schöde winkt da einfach das Aufführungsrecht, das unautorisierte Mitschnitte nicht gstattet und noch viel weniger deren Verbreitung.

Als noch um einiges gravierender liesse sich allerdings ein solcher Missbrauch des elektronischen Telefonbuchs und des Telefonnetzes beziffern, wie ihn das Konzept von "opera calling" so genüsslich beschreibt. Mal ganz abgesehen davon, dass es schon von einem recht seltsamen Demokratieverständnis von/für Kunst zeugen würde, wenn man Menschen in Werbung-via-Callcenter-Manier per abendlichem Anruf Arien auf die Ohren zwingt.

Nun, stell Dir vor, es wäre dem so:

Würde es sich wirklich lohnen, für die Aneignung und Ausschüttung verrauschter Klänge zwecks zwangsweiser Beschallung von Menschen ausgerechnet durch Opernarien ein ganzes Bouquet von Strafverfahren zu riskieren - aus dem am Ende dann auch kein "Es-war-doch-nur-Kunst"-Argument heraushelfen kann?

oca_g1.gifOder wäre es vielleicht einfach schon schön, wenn nur genug Leute an den opera-blen McGuffin glaubten?
Wo es doch gute Tradition ist, aus dem Cabaret Voltaire der eitlen Hochkultur den Finger zu zeigen - und sei es nur im Spass, weil man am Ende auch selbst so etwas wie Hochkultur für ein paar Happy Few, nämlich in diesem Fall die peer group der an elektronischer Kunst und Experimentellem Interessierten macht.

Fragen, über die man womöglich weniger im Kreis der Appropriationsartisten als in der Zürcher Oper grübeln sollte. Zwinkerzwinker, stuppsstupps.

Mehr Meinungen und Informationen zum Thema:

- Rico Bandle im kulturblog: "Wanze in der Oper" und "Opernhaus droht Cabaret Voltaire"
- in der netten Nachbarschaft des digital brainstorming blog von Kollege Sternenjaeger: "Cabaret Voltaure kitzelt Opernhaus";
- Reportage-Audioclip und Interview mit CV-Leiter Philipp Meier bei (((rebell.tv))).

[Bildchen: Alle "opera calling".]

Von miss.gunst am 13.03.2007 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)

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