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23.07.07

flachland

dms_ksw.gifNein, um eine Exkursionsempfehlung in alpenferne Gefilde geht es - ungeachtet der allgemeinen Urlaubszeit - nicht. Eher schon um eher abschreckende Optionen.
Wer meint, seine Welt sei etwas eindimensional geraten, ahnt nämlich womöglich nicht, wie sich so etwas wirklich anfühlen kann.

Tatsächlich reicht es schon voll und ganz, testweise mal für einige Zeit ein zweidimensionales Leben zu führen.

dms_gg.gifWobei die Vorstellung eines veritablen Flächenlands auf den ersten Blick zweifellos etwas Erheiterndes hat. Wenigstens dann, wenn es sich um eine gelungene Satire wie im Fall von Edwin Abbott Abbotts [sic, zweimal ;)] 1884 veröffentlichter Novelle "Flatland" handelt (idealerweise im englischen Original zu geniessen, welchselbiges es - Illustrationen des Autors inklusive - auch online zu lesen gibt).

Der Erzähler - ein Quadrat - berichtet hier nicht nur über die speziellen Umstände und Erfordernisse eines solchen Lebens in zwei Dimensionen. Es träumt ihm zudem, wie es wäre, mit noch einer weniger auskommen zu müssen. Frappiert stellt er fest, dass ihm im Linienland keiner glauben mag, dass es noch mehr Dimensionen geben könne.
Erwacht zurück im Alltag grübelt er darüber, was dies für die Weltsicht der Flatlander bedeuten könnte. Zwei plus eins? Unmöglich! Oder?

dms_g1.gifDer Besuch einer Kugel bringt es an den Tag: Das Quadrat lernt nolens volens, dass 2+1=3 auch in Sachen Dimensionen gilt. Nur: Wenn selbst das noch nicht alles sein sollte? Wir ahnen es: Das Drama nimmt seinen Lauf. Seine Landsleute haben nämlich wenig übrig für derlei überschüssige Phantasie. Der Revolutionär des mehrdimensionalen Denkens wird harsch in die Schranken gewiesen und landet am Ende im Kerker. Autsch.

Auf seine Weise nicht weniger a) aufregend und b) schmerzvoll scheint nun der Ausflug von einigen AbenteurerInnen der Gattung Homo sapiens tertium-dimensionalis in eine - allerdings nur näherungsweise - zweidimensionale Welt gewesen zu sein:

dms_g2.gifImmerhin verlangte es ihnen das "Flatland Project" lediglich ab, einige Wochen miteinander in einem Glashaus zu verbringen, dessen Tiefendimension annähernd einen Meter beträgt.
Also ungefähr die Breite, auf der die legendäre Müllpresse stoppt, in deren Tank es sich Luke Skywalker, Chewbacca und die bezaubernde Prinzessin Leia im ersten "Star Wars"-Film unfreiwillig unbequem gemacht hatten.
Und ungefähr so scheinen sich denn auch die Flatland-Project-BewohnerInnen mindestens zeitweise gefühlt zu haben - sogar ohne vermülltes Feuchtbiotop, lebendiger Unratzerkleinerer inklusive.

dms_g3.gifDesungeachtet empfiehlt es sich nicht nur für SadistInnen und Terrarien-Voyeure, gelegentlich mal einen Blick auf die Heimseiten des Projekts zu werfen, sich die Aufzeichnungen der Live-Kamera anzuschauen und am besten auch das Blog-Tagebuch der freiwillig Inkarkerierten zu Gemüte zu führen.

Schon beim blossen Zuschauen bzw. Lesen stellt sich nämlich rein empathiehalber ein unglaubliches Freiheitsgefühl ein, der verfügbare Platz in den eigenen vier Wänden wirkt automatisch viel grösser.
Und möglicherweise ist man dann nochmals umso mehr geneigt, aus Abbotts "Flatland" übers reine Amusement hinaus fürs eigene Denken auch ganz praktische Konsequenzen zu ziehen.

dms_q.gifP.S. Grad nochmal in der Wikipedia nachgeschlagen, was die Fachleute unter einer Dimension verstehen. Dort heisst es:

"In der Mathematik wird mit der Dimension ein Konzept bezeichnet, das im Wesentlichen die Anzahl der Freiheitsgrade einer Bewegung in einem bestimmten Raum bezeichnet."

Dürfte in der Tat was dran sein - auch im übertragenen Sinn.

[Bildchen: Auf der Basis der schönen Wikipedia-Schautafel zur Veranschaulichung der Dimensionen 1-3 bzw. der auf ihr dargestellten Grundfiguren (o.r.) mal ein bisschen mit ersteren rumgespielt. Geht eigentlich ganz leicht, von einer zur nächsten zu kommen (ok, mit Ausnahme eines gleichseitigen Dreiecks, wenn man auf die Schnelle zu faul zum Hilfsvektorenbasteln ist). U.l. unser unglücklich eingekerkertes Flatland-Quadrat]

Von miss.gunst am 23.07.2007 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)

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