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15.09.07
Gut Holz: Bernie Lubell (ae07)
Kaum zu glauben, dass man als lebenslanger Fan von Was-passiert-dann-Maschinen und anderen absurden Konstruktionen erst 2007 auf der ars electronica auf einen Künstler stösst, der ganz grossartige Dinge dieser Art baut - die tatsächlich sogar als "interaktive Installationen funktionieren", das aber ganz ohne Elektro- oder Computertechnologie. Tatsache, so ist es.
Und zwar bei Bernie Lubell. Völlig unverständlich, dass seine phantastische Arbeit "Conservation of Intimacy" beim diesjährigen Prix nicht die Goldene Nica in der Preiskategorie "Interactive Art" abgeräumt hat. Immerhin war sie der Jury einen "Award of Disctinction" wert - und das passt natürlich auch ganz gut.
Aber fangen wir mal von vorn an: Nachdem man sich im Offenen Kulturhaus, das die Ausstellung zum Prix beherbergt, gerade durch mehrere Räume mit allerlei blinkenden Bildschirmen sowie den verschiedendsten Zusammenschlüssen organischen "Materials" (vom Bakterien über Algen und Pilze bis zu malträtierten Grillen) mit diversen Technologien gekämpft hat, betritt man einen grossen Saal, in dem so gar nichts summt und brummt. Statt dessen: Eine gigantische, aber - weil ganz aus hellem, rohen Holz gezimmert - eher leichtfüssig wirkende Konstruktion mehrerer, miteinanander verbundener Aufbauten.
Eine Art Hollywoodschaukel lädt dazu ein, sich auf ihr niederzulassen - allein oder besser noch zu zweit. Und dann zu schaukeln. Vor und zurück, ruhig auch seitwärts.
Macht man dies, setzt sich - nachdem der Bewegungsimpuls per Luftdruck über ein pneumatisches System und verschiedene Schnüre, Zahnräder und Walzen weitergeleitet worden ist - an der Wand nebenan eine Art "Schreibmaschine" in Gang. Stifte ziehen über Papier, das dann freilich hin und wieder ein Stückchen transportiert werden will, wenn kein Palimpsest entstehen soll. Aber auch dafür ist gesorgt: Es muss sich nur ein williger Mitarbeiter am anderen Ende der Maschine auf einen kleinen Schemel hocken und kräftig in die Pedale treten. Und damit er das zum richtigen Zeitpunkt macht, gibt es eine Art Rohrpost zwischen Schaukel und Schemel: Man "pustet" blasebalgverstärkt in einen Schlauch, dessen Ende dann in Ohrhöhe des Pedalisten einen kleinen Lufthauch entlässt.
Dann gibt es noch eine weiteres Schlauchgewinde, das in einer Kammer verschwindet. Von der Schaukel aus kann man auf einem Monitor sehen, was sich hinter den Wänden verbirgt: Fleissiges Schaukeln bringt hier ein weiteres Gebläse in Gang, das Bälle in einer Schüssel bewegt.
Besonders schön: Die Ganze komplexe Maschinerie bringt eigentlich nichts ausser zweckfreien, einigermassen ephemeren Bildern hervor (Gekritzel, ein Realzeit-'Video' mit hin- und herkugelnden Bällen) - indes es wohl eigentlich vor allem darum geht, das gemeinsame Schaukeln zu geniessen. Kleine Momente der Initimität. Sieht man mal von der Ausstellungssituation auf der ars ab, bei der natürlich fast immer einige Menschen durch den Raum wuselten und staundend die Mechanik der Konstruktion studierten.
Selbst passende Holzgeräte zur Wartung gab es dazu.
Und noch eine weitere, kleinere und ebenso zweckfreie Installation, die allerdings nicht zu betätigen war (ein etwas variierter Wiederaufbau von "Making a Point of Inflection" aus 2000).
Auch wenn sie so nur in der Phantasie zu bewegen sind, sollte man sich unbedingt noch die anderen phantastischen Konstruktionen anschauen, die Lubell auf seinen Heimseiten dokumentiert hat. Unter den ab 2000 entstandenen sind auch mehrere dabei, die im weitesten Sinne mit Klang- und Geräuscherzeugung arbeiten. Beispielsweise die Lungenkrankheitssimulantin "Quicken" oder "Furtitive Ear", ein Flüstertütenraumgebilde, das Athanasius Kircher sicher sehr interessiert hätte.
Hach. Ungern werfen wir mit Superlativen um uns. Aber die Begegnung mit dieser Arbeit war wirklich eine Entdeckung. Das gönnen wir uns jetzt mal: Das absolute Highlight dieser ars. Die notabene alles andere als arm an interessanten Projekten war.
[Bildchen: Sind - wie man sieht - keine der grossartigen Maschinen von Lubell. War keine Zeit, um Rechte anzufragen; daher auf die Schnelle selbst ein wenig Kiefernholz geschnitten und zu zwei gänzlich imaginären Konstruktionen gefügt. *seufz*]
Von miss.gunst am 15.09.2007 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)
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