« Was Hirnhälften hören | Hauptseite | Vom Gebrauch von Geräuschen »

15.08.05

Schlangenritual

Warum es in diesem August so viel regnet?
Schuld sind natürlich immer die anderen.
Aber selbst wenn man ein derartigens magisches Denken bemüht, muss man nicht unbedingt davon ausgehen, dass es sich um einen Schadenzauber handelt. Logbuchserien zum Thema Camping-Kunst sind ganz sicher nicht das Mass aller Dinge. Und wo es hier obendrein schon mehrere Einträge zur Wassermusik gibt (weitere Anker im Externen Index) - warum nicht ein bisschen Adaptationsfähigkeit an den Tag legen und einen entsprechenden Strang eröffnen?
Beginnen wir dann aber gleich mit einem Klassiker, der eine Antwort auf die eingangs gestellte Frage hat.

"Denn der Schlangentanz in Walpi ist eine Fürbitte-Erzwingung bei den Schlangen selbst. Sie werden im August, wenn die Gewitter kommen sollen, in einer sechzehntägigen Zereomie in Walpi aus der Wüsten-Ebene lebendig aufgegriffen und dann in dem unterirdischen Raume, der Kiwa, von den Häuptlingen des Schlangen- und Antilopen-Clans bewacht und in eigentümlichen Zeremonien, von denen die Waschung der Schlangen die bedeutendste [ist] und für die Weissen erstaunlichste Rolle spielt, gehalten."
[Aby Warburg: Schlangenritual. Ein Reisebericht, Berlin: Verlag Klaus Wagenbach, 1988, S. 42]

Warburg also geht mit gutem Beispiel voran: Als Hamburger ist er natürlich sowieso an etwas feuchtere Witterungen gewöhnt und würde sich über ein bisschen Regen nicht beschweren. Und er weiss auch, dass andere - in diesem Fall die in der Nähe von Santa Fé lebenden Walpi - sich just im August besonders über Regen freuen bzw. in diesem Monat die grösste Chance sehen, selbigen herbeizubeschwören.
Und er hält sich auch überhaupt nicht mit schnöden Dingen wie der Witterung auf.

Was ihn interessiert, sind die Weisen der Beschwörung.
Weil sich diese erstens auf ein Tier konzentrieren, dass im weitesten Sinne dem ähnelt, was beschworen werden soll: Nämlich dem Blitz als Zeichen für das Gwitter, das den Regen bringt.
Und weil ihm alles dies zweitens - sieht man ab von den Details - seltsam bekannt vorkommt: Zunächst einmal bildhaft, insofern er ähnliche Schlangendarstellungen, wie er sie bei den Walpi und den Hopi findet, aus der europäischen Kulturgeschichte kennt. Darüberhinaus bzw. mittelbar aber auch im Bezug auf die Handlungsstruktur, also die bildhafte Beschwörung als solche, die ihm aus der eigenen Gegenwart heraus bekannt vorkommmt - wenngleich auch anders motiviert. Die Angst vor der Schlange als Rest einer älteren Angst vor nicht beherrschbarer Naturgewalt.

Ergo: Sollten wir uns glücklich schätzen, wenn wir:
a) es nicht nötig haben, mühselig Klapperschlangen einzufangen, damit es im Herbst etwas zu essen gibt. (Nun gut, einer Supermarktkettensonderangeboten hörigen Gesellschaft ist der Konnex zwischen der Fruchtbarkeit der Felder, Ernteaufkommen und Nahrungssicherung natürlich allweil etwas verlustig gegangen.)
b) Regen nicht als etwas sehen müssen, das mit mühseligem Zauber in die eine oder andere Richtung zu beeinflussen ist. (Nun gut, ein bisschen mehr persönliches Verantwortungsbewusstsein in Sachen Klima würde dieser unserer Gesellschaft sicher gut tun. Aber das Motiv sollte dann schon besser die Erkenntnis um ökologische Zusammenhänge als irgendeine Urangst oder magisches Denken sein.)

Soweit jedenfalls erst einmal zu den Ursachen des Regens im August.
Und damit dem verpflichtenden Konnex zum übergreifenden Themenradius dieses Logbuchs noch etwas besser Genüge getan ist als lediglich mit Assoziationsakrobatik in Richtung Wassermusik, noch zwei Anker: Zum einen zur Curtis Collection, zu der auch photographische Dokumentationen des Regentanzes zählen (hier eine Beschreibung, leider ohne Bilder); und zum anderen zu den Regentänzen der Zuni, zu denen es immerhin ein Notenbeispiel hat.

Und denjenigen, denen es nie genug Regen hat und die bereits mit dem Gedanken spielen, sich selbst auf die Suche nach Klapperschlangen zu machen, hilft vielleicht neben Warburgs Reisebericht noch diese Beschreibung weiter. Praktischerweise ist dort für alle anderen, die es nicht so mit giftzahngerüsteten Kriechtieren haben, auch noch eine Alternative angegeben: Das sich lediglich auf den Gebrauch von Klapperschlangenpeitschen bescheidende Bohnenritual.

Von miss.gunst am 15.08.2005 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)

Kommentare

Kommentieren:

Thanks for signing in, . Now you can comment. (sign out)

(If you haven't left a comment here before, you may need to be approved by the site owner before your comment will appear. Until then, it won't appear on the entry. Thanks for waiting.)


Daten merken?