« Ghost Detectors | Hauptseite | ReGurgiTron »

28.11.05

Noise Map (Bennett)

Als vor einigen Monaten in diesem LogBuch von Noise Maps (im Plural) die Rede war, ging es darum, Bill Fontanas Arbeit an den Sound Lines - die manchen Anrainern eher als akustische Belästigung vorkamen - jene Kartographien zur Seite zu stellen, in denen sozusagen die etwas offiziellere Soundforschung ihren Niederschlag findet.
Mit Justin Bennetts Noise Map lässt sich an beides noch einmal anknüpfen.

Noise Map ist nicht nur der Titel einer kleinen Retrospektive seiner Arbeiten aus den letzten Jahren, die am gestrigen Sonntag in GEM, dem Museum voor aktuele (= für zeitgenössische) Kunst in Den Haag zu Ende gegangen ist.*

Sondern vor allem der eines grösser angelegten Arbeitsprojekts aus 2003, aus dem mittlerweile eine CD (Review auf/bei monochrom, mehr zu letzterem gab's ja gerade erst an dieser Stelle) und ein Künstlerbuch hervorgegangen sind. [Achtung, um in den Genuss von Anschauungs- und Audiobeispiel zu kommen, muss man PopUp-Blocker de- und Quicktime-Plug.Ins aktiviert haben.]

Ausgangspunkt sind dabei - ganz ähnlich wie bei Fontana - field recordings, also Aufnahmen von Umgebungsgeräuschen, die Bennett auf unterschiedliche Weise be- und weiterverarbeitet, komprimiert, transformiert. Und mit neuen Klangkörpern und -radien ausstatttet.
Was dann zu hören ist, spielt mit dem akustischen Gedächtnis, öffnet Kanäle zu jenen Räumen, aus denen die Klänge und Geräusche ursprünglich hervorgegangen sein mögen - und erschliesst aber zugleich neue akustische Landschaften.

Noise is the sand between your toes, the kink in the cable, the music that keeps you awake and the sea that lulls you to sleep. Noise is accident, chance and luck. Noise is the vibration of life itself. [Justin Bennett]

In der Ausstellung breitete sich jene Noise Map, die den Klangraum der Stadt Den Haag erfasst, als netzwerkartige Zeichnung an der Wand aus: Eine Kartographie, die wortwörtlich im Hintergrund bleibt, während sie in den Arbeiten auf andere Weise erfahrbar wird.
Genauer gesagt, in diesem Fall insbesondere einer Installation, "Sundial Den Haag 2005". Ein nahezu lichtloser, schwarzer Raum, auf dessen Boden schwere graue Kissen dazu einladen, sich niederzulassen und ganz Ohr zu sein. Tatsächlich wird man vollständig aus der Zeit in diejenige des Klangraums gesogen; ein Glockenschlag, Stimmen, Klappern, Hupen - seltsam fern und nah, vertraut und fremd zugleich.
Wenn man lang genug bleibt, kann man feststellen, dass sich die Geräusche wiederholen. Aber das dauert, denn das Ohr hat genug damit zu tun, sich hinzugeben und hineinzulauschen in diese dichten Atmosphären, in denen es so viel zu erkunden gibt. Tatsächlich dauert eine Schleife des Soundloops nur zwölf Minuten. Und enthält doch den Gesang eines ganzen Tags und einer ganzen Nacht, denn Bennett hat für seinen Sundial den Sound von vierundzwanzig Stunden (vom 18. auf den 19. August, von Mitternacht bis Mitternacht) komprimiert.

Das ist ein bisschen so, als hätte er seine Noise Map von den Haag - die (vorsichtig aus der Erinnerung geschätzt) an die zwei auf zwei Meter misst - auf ein kleines, fausgrosses Stück gefaltet; ein unglaublich dichter Zipfel Klangraumzeit, den man am liebsten in die Tasche stecken und mitnehmen möchte. Während aber eigentlich genau das umgekehrte passiert, weil das Klangraumerlebnis selbst wie eine Zeitmaschine funktioniert.

* Ja, schon schade, das erst jetzt, im Nachhinein aus dem Notizbuch hervorzuziehen. Genau genommen handelt es sich um einen der Einträge, die - wie das interactivity Festival - vor ein paar Wochen in Holland in den Radar geraten sind. Aber mit dieser Verspätung wird es eben etwas für den Zettelkasten, in den Justin Bennett als Soundwerker sowieso gehört.

Und vielleicht wird es früher oder später ja auch einmal ein "Sundial Zürich", Basel, Bern oder Solothurn geben. Ebenfalls just gestern (27.11.05) war Bennett jedenfalls im Centre Culturel Suisse in der französischen Hauptstadt mit einem "Sundial Paris" zu Gast.

P.S.
Wer des Niederländischen mächtig ist, kann im folgenden Artikel noch mehr über die Ausstellung in Den Haag nachlesen:
Nathalie Hartjes: Justin Bennett brengt geluid in kaart (Noise Map), in: 8weekly, 26.10.2005

Von miss.gunst am 28.11.2005 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)

Kommentare

Kommentieren:

Thanks for signing in, . Now you can comment. (sign out)

(If you haven't left a comment here before, you may need to be approved by the site owner before your comment will appear. Until then, it won't appear on the entry. Thanks for waiting.)


Daten merken?