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20.12.05

Revolutionäre Handarbeit

micrr_ap_sw.gifDie winterliche Witterung, die sich dieses Jahr sogar einigermassen pünktlich zu Weihnachtszeit eingestellt hat, legt es sowieso nahe. Darüber hinaus jedoch hat sich das Medium sagen lassen: Es ist derzeit der Trend schlechthin.

Das zu tun, wovor sich selbst tapfere Medien weiland fürchterlich zu fürchten pflegten: Zu kalten, langen, gefährlich spitzen Nadeln und fiesem, faserigem und schon von sich aus stets zu gnadenloser Verwirrung neigendem Wollfaden zu greifen.

Und dann zu - Stricken.

Ja, noch heute schaudert das Medium, wenn es an jene düsteren Stunden in seiner ansonsten eher lichten Schulzeit zurück denken muss, in denen es zur sogenannten "Handarbeit" genötigt wurde. Mit schwitzigen Fingern gegen miese Maschen kämpfen. Jedes Knäu[e]l ein Greuel Gräuel [ha, hier kann man die neue Rechtschreibung endlich mal sinnvoll für einen Lautreim nutzen].

Hingegen sieht es ausgerechnet jetzt - zu Zeiten, da uns Strickwaren allerorten für ein Geld nachgeworfen werden, für das sich im Fachgeschäft für die entsprechenden Rohstoffe nichtmal ein halber Meter aufgedrehtes Schaf- oder Ziegenhaar erstehen lässt - ganz danach aus, als würden viele Menschen wieder stricken. Freiwillig.
Unglaublich, aber wahr.
Die Blogosphäre quillt nachgerade über von begeisterten StrickerInnen [sic! Grosses I für beide Geschlechter: siehe zum Beispiel das knit'o'rama].

micrr_ap.gifNun, man kann es durchaus ahnen, dass eins mit dem anderen zusammenhängt. Das Medium erinnert sich (zart errötend) seinerseits tatsächlich auch an eine Phase nunmehr freiwillig aufgenommener Maschen und klappernder Nadeln in der eigenen Biographie: Als man nämlich (und das war auch noch während der Schulzeit) zur Überzeugung gelangte, dass diese Welt a) nicht die beste aller möglichen ist und b) möglicherweise zu verbessern wäre, wenn die Menschheit, anstatt fröhlich mit Atomstrom beheizte Kauftempel aufzusuchen, ihre Kleidung selbst schneiderte und strickte sowie sich mit diversen Kornschädlingen brüder- bzw. schwesterlich das stets in zu grossen, offenen Säcken gelagerte Müsli aus der Food Coop (nein, das war kein Supermarkt) teilte. Erkenntnis klein a hat sich bis heute nicht wirklich revidieren lassen. Konsequenz klein b erwies sich allerdings schnell als ziemlich anstrengend und politisch doch irgendwie fruchtlos (ausser für Mehlkäfer und -motten).

Was allerdings noch nicht heisst, dass sie deshalb grundfalsch sein müsste. Schliesslich gehört ja doch einiges Verdrängungspotential dazu, zu glauben, die schicken Strickwaren für billig seien von Heerscharen selbstloser Omamas gefertigt. Und nicht von fleissigen (Kinder-)Händen in Niedriglohnländern, ob sie nun handarbeiten oder Strickmaschinen bedienen.

Vor eben diesem Hintergrund ruft microRevolt durchaus sehr berechtigt zur Revolution mithilfe des klassischen Nadelwerks auf - und bietet dazu auch gleich einige sehr praktische Hilfsmittel an, um zünftig zur Umsetzung zu schreiten:

microRevolt projects investigate the dawn of sweatshops in early industrial capitalism to inform the current crisis of global expansion and the feminization of labor.

microRevolt developed web application knitPro, a protest tool that generates knit patterns of sweatshop offenders.

Zum Einsatz kam knitPro bislang in einer Kampagne gegen GAP sowie zur Verfertigung einer (allerdings gehäkelten) Protestdecke, die dem Nike-Chef Phil Knight unter die Nase gerieben wurde.

Da eine anständige Revolution natürlich nicht so gedacht ist, dass man bloss voller Solidarität und Bewunderung zuschaut, wie andere tätig werden, gibt es aber auch Anregungen, wie RevolutionärInnen in Spe ihrerseits zur Tat schreiten können.
Klar, dass für diejenigen, die den Handarbeitsunterricht nur knapp überlebt und auch etwaige später erworbene Kenntnise wieder verdrängt haben, eine Basisanleitung bereit gehalten wird.

Vor allem aber kann man das knitPro-Engine für den Entwurf von eigenen Kreationen nutzen. Das geht, wie man sich denken kann, selbstredend auch mit Bildchen von weniger revolutionärer Aussagekraft.
Wie beispielsweise (und jetzt vergessen wir einfach mal, dass im Bücherschrank solidarisch No Logo und Gibsons Pattern Recognition kuscheln) auch das HOME MADE-Signet.

hmlogo_knit.gifJa, jetzt müsste man auch noch leidenschaftlich Stricken können bzw. wollen. Leider denkt der innere Schweinehund, dessen Macht sich offenbar auch durch Revolutionssympathisantentum nicht so leicht brechen lässt, beim Stichwort "Vorweihnachtszeit" eher an Plätzchenverzehr und bestenfalls ein bisschen Basteln und Kleben.

Aber vielleicht sieht das bei anderen ja ganz anders aus?
Falls jemand das Medium (oder jemand anderen) gern mit einem herzerwärmenden Präsent beglücken will - bis Weihnachten sind es ja noch ein paar Tage - gibt es hier jedenfalls die Vorlage als bestens nachvollziehbares pdf.

P.S.
[*pssst*: die Kleidergrösse des Mediums für Pullis ist so 36-38 und natürlich bevorzugt es kuschelweiche Fasern. Und zwar die vom Mondschaf, auch wenn die etwas teurer sind.]

Von miss.gunst am 20.12.2005 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)

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