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19.01.09

DIY Kleber (E. A. Poe)

shsh_ksw.gifMag auf den ersten Blick etwas merkwürdig wirken. Aber es bietet sich tatsächlich an, Edgar Allan Poe zum 200. Geburtstag in diesem Log.Buch einen Zettelkasten-Eintrag zu widmen.
Und wie die Überschrift verrät, hat das nicht einmal (jedenfalls nicht primär) mit persönlichen Neigungen für sein literarisches Oeuvre zu tun...

Vielmehr gilt das spezielle Interesse einem Aspekt seines Werks, das meist nur randständig Beachtung findet - und den beispielsweise der sonst recht ausführliche Artikel zu Poe in der englischen Wikipedia bislang sogar gänzlich unterschlägt.

shsh_g1.gif1839 veröffentlichte Poe nämlich ein Buch zur Muschelkunde - mit dem stolzen Titel "The Conchologist's First Book: or, A system of Testaceous Malacology". Der E.A. Poe Society of Baltimore (der wir auch die hier verankerte Ansicht des Titels verdanken) ist diese Tatsache natürlich bekannt - und auch sonst hat sich der Coup, der Poe mit dieser Publikation gelang, schon länger herumgesprochen. Spätestens seit der ziemlich prominente Paläontologe Stephen Jay Gould in seinem Bestseller "Dinosaur in a Haystack" (1995) dem Buch ein ganzes Kapitel gewidmet hatte.

Im Anschluss an Gould widmete dann z. B. John H. Lienhard "Poe's Conchology" eine Folge der "Engines of Ingenuity"; entsprechende Notizen finden sich hier und dort in Blogs; kompakt informiert auch eine Seite zum Buch, die von der Library of Virginia zu dem in ihren Beständen befindlichen Exemplar ins Netz gestellt worden ist.

shsh_g2.gifUnd gerade dieser Tage ist (ebenfalls anlässlich des Jubiläums) unter dem schönen Titel "Es war die Schnecke und nicht der Rabe" ein lesenswerter Beitrag von Matthias Glaubrecht - Evolutionsbiologe, Kurator für Weichtierkunde und Leiter der Abteilung Forschung am Museum für Naturkunde in Berlin - in der Welt im Druck sowie online erschienen.

Poes Coup bestand darin, dass er zwei kurz zuvor erschienene Bücher zum Thema geschickt kompilierte - und die unter seinem Namen erschienene Ausgabe auf dem Markt erfolgreich genug war, um sein schmales Budget aufzubessern.
Wie Matthias Glaubrecht in seinem Artikel jedoch sehr zu Recht hervorhebt, steckt in der Kompilation durchaus einiges wissenschaftliches Innovationspotential, das sich dem Umstand verdankt, dass Poe aus verschiedenen Quellen schöpfte und diese teilweise auch bearbeitete.

Auf eine der kuriostesten Eigenleistungen des Dichters in Sachen Muschelkunde hat Liliane Weissberg in einem Aufsatz aufmerksam gemacht, den sie 1994 zum Katalog der Ausstellung "Die Erfindung der Natur" beigesteuert hat.
Poe pflegte nämlich seine Lektüre-Notizen zu Büchern, die gern etwas umfangreicher ausfielen und deshalb nicht mehr in die Randspalten passten, auf Zetteln weiterzuführen, die er dann an die entsprechenden Seiten klebte. Und zwar mit Hilfe einer selbst angerührten Klebepaste.

shsh_g3.gifDeren Rezept hatte der Dichter, so Weissberg, wahrscheinlich während seiner Arbeit an "The Conchologist's First Book" und der Lektüre seines Kompilationsmaterials entdeckt - und zwar vermutlich in Thomas Browns "The Conchologist's Text-Book. Embracing the Arrangements of Lamarck and Linnaeus..." (Glasgow 1835). Brown schreibt dort sehr ausführlich über den Kleber und seine Verwendungsmöglichkeiten bei der Reparatur bzw. Restauration von Muscheln.

Und da es hier ja um DIY geht, wollen wir besagtes Rezept für die "Gummi Paste" natürlich nicht unterschlagen:

"Weisser Zucker-Süssstoff 2 0z. / Gewöhnlicher arabischer Gummi 4oz. / Oxengalle ein Teelöffel voll."

Klingt, als seien die Zutaten nicht an jeder Ecke zu haben? Es gab es auch noch ein alternatives Rezept für einen Kleber, das Poe selbst erwähnt und das wohl aus dem zweiten von ihm kompilierten Muschelkunde-Buch, nämlich Thomas Wyatts "A Manual of Conchology. According to the System laid down by Lamarck..." (New York 1938) stammt. Damit dürften es die meisten allerdings nicht wirklich einfacher haben - der Grundstoff ist hier nämlich ein Pulver aus Tragant...

[Bildchen: Haben wir eigentlich mal für einen ganz anderen Kontext gebastelt, als wir in einer Vortragsankündigung freudig von "shell life" anstatt von "shelf life" lasen (was eben ein Verleser war). Passen aber insofern, weil sie deshalb von Anfang an eine angeklebte Randnotiz waren. Gesammelt wurden die Muscheln - eine prächtige japanischen Auster, vom niederländischen Nutzer GeraldM unter GNU bereitgestellt, sowie von Akigka isländischer Miesmuscheln, ebenfalls unter GNU sowie cc-by-sa lizensiert - in den Commons der Wikipedia. Merci!]

Von miss.gunst am 19.01.2009 | Anker zu diesem Artikel | Kommentare (0)

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